Ameise A (Hoots Fortsetzungsgeschichte 2023)
Added 2023-01-04 18:48:37 +0000 UTCDieses Jahr schreibt auch Hoot hier als Gastbeitrag #SatzFürSatz jeden Tag an einer Fortsetzungsgeschichte.
(01.04.2023, Lesedauer ca. 10 Minuten)
Was bisher geschah …
A zitterten die Mandibeln, als er hinter B herging.
Er musste sich zusammenreißen. Die Beinchen von B sahen einfach köstlich aus, doch er durfte seinen Bruder nicht beißen. Sein Ebenbild ging vor C, dieser ging vor D und immer so fort, bis mit Namensvetter A eine neue Kolonne anfing. Heute waren sie andersrum unterwegs, Z hatte Zucker gerochen. Das große Licht am Himmel schien so hell, dass die Grashalme Schatten scharf wie Klingen auf den Boden warfen. Jetzt liefen die Vorderen schneller und A wusste, dass auch die Roten den Zucker gewittert haben mussten.
„Schneller du A!“, zischte Z hinter ihm und klackerte mit seinen Mundwerkzeugen. Zwei Bilder konkurrierten in A. Ein gigantischer Monolith aus Kristall und der Kopf des Zs hinter ihm, wie er abgebissen im Staub rollte. Seit A von dem verbotenen Schneckenschleim gekostet hatte, verzweigte sich seine lineare Welt in erschreckende Alternativen. An jenem Abend, als er als Wachposten am Eingang des Baus die Nacht verträumte, war ihm ein blaues Leuchten zwischen den Halmen erschienen. Der Schleim pulsierte einladend und A war klar, dass es sich dabei um verbotenes Essen handelte. Doch während er wartete, bis das kleine Licht am Himmel sich senkte, glaubte er eine leise Stimme aus dem Schleim zu hören. Auch jetzt war die Stimme bei ihm. Er hatte sie mitgegessen und seitdem rüttelte sie an Gewissheiten, schickte seine Gedanken auf neue Pfade und fragte: Warum nicht?
„Typisch A, als erster aus dem Ei schlüpfen und dann rumtrödeln. Schneller!“, Z kniff ihn in den Hinterleib. A rückte zu B auf und bemühte sich, an den Zucker zu denken, der vor ihnen lag.
„Du stinkst nach Männchen, A“, zischte Z. Was sollte das? Er war doch sie, oder nicht? „Schnipp schnapp, Kopf ab“, schlug die Stimme aus dem Schleim vor. Stimmt. Ich gehöre dem Schleim. Die A von früher ist anders. Meine Schwestern hier riechen anders. Wie Beute. A schnappte zu.
Z schreckte zurück. A fügte sich wieder ein. Fast wäre es mit ihr durchgegangen. In letzter Zeit wusste sie nicht mehr, wer da in ihr dachte und sprach. Ganz weit vorne begann die Reihe sich aufzulösen. Einige kämpften gegen die Roten, doch eigentlich war genug für alle da.
Ein halbes Marmeladenbrot lag neben einem Mülleimer des Autobahnrastplatzes.
Melanie wollte nur schnell eine rauchen und hatte sich an eine der gammeligen Tischgruppen gesetzt. Einige LKW-Fahrer schliefen hinter zugezogenen Vorhängen, sonst war niemand außer ihr am Rastplatz Speckhorn.
Sie starrte auf den Wald, der hinter der zugemüllten Wiese anfing, dann wanderte ihr Blick zu ihren Füßen. Dort wo die Asche zu Boden fiel, tobte ein Kampf auf Leben und Tod.
Ein Teppich winziger roter Ameisen legte sich über ein paar Hundert große schwarze Ameisen, die sich bemühten den Angreifern die Köpfe abzuknipsen. Einige Pazifisten ignorierten das Kampfgeschehen und versenkten sich lieber in die klebrige Zuckermasse des Brotbelags. Melanie wollte das Brot erst in die Wiese schleudern, was ihr dann doch zu Deus ex machina war. Sie schaute Rot beim Gewinnen zu und bald war nur noch eine schwarze Ameise am Leben.
A schmeckte die Marmelade nicht. Sie verstand nicht, was sie je daran gefunden hatte. Dafür hatten sie alles stehen und liegen gelassen? Den Honigtau, die große Heuschrecke, die halbe Ratte in der Nähe des Eingangs zum Bau.
Jemand wittert eine Leckerei, läuft hin, läuft zurück, ein paar mehr laufen hin, laufen zurück, die Spur wird stärker, noch mehr laufen hin, laufen zurück und bringen Futter mit. Warum also nicht auch hinlaufen?
So war es auch mit ihren neuen Gedanken. Erst war ihr nur einer gekommen. Ein dünner klebriger Faden. A hatte ihn zurück zu seinem Ursprung gesponnen, dort klebten sich andere an sie. A zog sie hin und her. Ein feines Gespinst aus Weigerungen umgab den sich verstärkenden Faden. Die Gedanken der Stimme aus dem Schleim waren unwiderstehlich wie die Duftspuren der Arbeiterinnen, die A den Weg zur nächsten Mahlzeit wiesen. Ihre Selbstbeherrschung schwand mit jeder weiteren Umkreisung der Himmelslichter.
A sah sich um. Wo blieb die Verstärkung? Die Reihe der Nachkommenden hatte sich aufgelöst. Z trug einen Brotkrümel, zögerte, fand die Spur zurück nicht mehr und wurde von einer Welle roter Ameisen überrannt. Die Stimme aus dem Schleim lachte und feuerte die Roten an. „Endlich bist du frei.“ A musste zugeben, um Z war es tatsächlich nicht schade. Ihre Wut war noch nicht abgekühlt. Und jetzt rollte Zs Kopf im Staub, ohne ihr Zutun. A stürzte sich auf die roten Angreiferinnen.
„Weird.“ Melanies Zigarette war bis zum Filter heruntergebrannt. Sie schüttelte abwesend ihre Hand. Die letzte schwarze Ameise hatte grünblau zu leuchten begonnen.
A zerschnitt ihre Feinde mit Leichtigkeit. Die Fäden des Schleims zogen sich durch ihren Körper und gaben ihr die Kraft, das Marmeladenbrot anzuheben, aufzustellen und umzuwerfen. Die Roten zerstreuten sich. Vielleicht war es auch das grünblaue Leuchten, das sie verschreckte.
Melanie fragte sich, ob es sich bei der marmeladenbrotumwerfenden Ameise um eine invasive Art handelte. Sie missachtete alles, was sie je aus Horrorfilmen gelernt hatte, und streckte ihren Zeigefinger dem leuchtenden Tier entgegen.
As Beine bewegten sich ganz von allein auf das fleischige rote Ding zu. „Ich bin noch nicht fertig hier, was!?“ Es gab noch Angst und Schrecken, der verbreitet werden wollte und Essen, das sie heimschleppen musste. Doch der Schleim ignorierte sie. A weigerte sich, doch ihr Körper gehorchte nicht länger. Sie biss in das große Tier und das Licht am Himmel verdunkelte sich. Eine Krokette fiel auf den Boden.
Melanie drehte sich um. Hinter ihr stand ein Kerl mit offener Tupperdose und einer halb ausgetrunkenen Cola. „Haben Sie mich gerade mit einer Krokette beworfen?“
„Störe ich die Diegese?“, fragte er und ging weg.
Melanie sah zu, wie er in seinen Mini Cooper stieg und davonfuhr. Sie bemerkte nicht, dass A an ihrem Zeigefinger hing.
Die Ameisen am Boden waren fort. Niemand war mehr da, um über die Landung des Kartoffelsnacks Bericht zu erstatten. A wusste nicht, was schlimmer war, dass sie ohne ihr Zutun von diesem riesigen Tier in den Himmel entführt wurde, oder dass sie ein bisschen dreckiges, aber immer noch gutes Essen einfach zurücklassen musste.
As Beine ruderten in der Luft und suchten nach Halt, während ihr Kopf sich festgebissen hatte. Sie schmeckte etwas Neues und spürte, wie der Schleim sich damit vermischte. „Verlass mich nicht“, dachte A. „Nimm mich mit“, war ihr letzter Wunsch.
Melanie kratzte ihren juckenden Zeigefinger und wischte sich die Hände an ihrer Jeans ab. Sie hob die kalte Krokette auf und legte sie neben das Ameisenloch unter dem kränkelnden Baum hinter dem Mülleimer. Ihr Smartphone vibrierte. Sie wischte den Alarm weg.
Melanie redete nicht darüber, dass Autobahnrastplätze ihre Zuflucht waren. Sie hatte sich entschuldigt und war einfach losgefahren. Alle dachten, sie hing auf dem Klo fest. Doch es war ihr zu eng geworden. Nein, niemand dachte etwas. Sie war Praktikantin, eine Fliege an Wand.
As Augen funktionierten nicht mehr und sie war ausgestreckt und dünn wie ein Spinnenfaden. Es gab nicht mehr viel, womit sie hätte fühlen können. Der Schleim hatte sie in das Tier mitgenommen. Er umgab sie und trug sie an ein unbekanntes Ziel.
Melanie erinnerte sich an ein Bonbon, das irgendwo in ihrer Jacke vergraben war. Nervennahrung. Der Himmel wurde weit. Sie dachte an ihre Atemübungen und schaute sich um, ob der Krokettentyp nicht doch noch irgendwo lauerte. Die Wolken drückten sich ihr ins Genick. Nein, nur Zucker würde jetzt helfen.
A wusste nicht mehr, wo unten und oben war. Auch wenn sie selbst nichts sehen konnte, schickte der Schleim ihr Bilder. Eine weiße Kuppel, unter der eine riesige graue Wolke schwebte, darauf rasten sie zu.
„Hey Schleim, sind wir schon da?“, fragte A. Sie hatte nicht gewusst, dass in anderen Tieren ganze Landschaften versteckt waren mit Flüssen, Höhlen, Wolken und fragte sich, ob es in ihr auch so ausgesehen hatte.
Der Schleim hatte As Gedanken gehört. „Nein, in dir war es eher einfach gestrickt.“ A spürte einen Widerstand, dann ein Kribbeln, das ihr mehr über ihre neue Form verriet. Doch für das, was sie erfuhr, gab es keinen Begriff. Sie hatte den Fluss verlassen und war nun auf schnelleren Pfaden unterwegs. Sie hüpfte, als hätte sie Beine.
As Metaphernschatz war klein. Nicht größer, als die Summe der Krümel, die sie während ihres kurzen Daseins ins Nest getragen hatte. Auch der Schleim hatte nicht mehr mitgebracht. Beide waren mehr an Nahrungsmitteln als an Stilmitteln interessiert.
„Hey, wer spricht da?“, fragte A. Eine Stimme, die von überall herzukommen schien, verspottete sie. Gerne hätte sie mit den Mandibeln geklackert, doch so wie sie jetzt war, blieb ihr nur der Gedanke daran.
„Ah, eine Ameise! Zeig mir mehr Bilder.“ Die Stimme, die nicht dem Schleim gehörte, konnte nicht nur As Gedanken lesen, sondern auch ihre Erinnerungen sehen. Reichte es denn nicht, wenn ein Anderes mithörte und nicht zwei?
Die neue Stimme brauchte einen Namen, sonst würde es A zu sehr verwirren. „Dich und den Schleim werde ich gerade noch auseinanderhalten können.“
A kramte in ihrem winzigen Hirn und fand einen Namen, der dem angenehmen Klang der klugen Stimme entsprach. „Du verdienst einen Namen, der genau so nervig ist wie du.“ Der Schleim unterbrach die beiden. „Wir haben unser Ziel erreicht.“
Melanie hatte das alte Bonbon aus seinem Papier befreit, mit dem es im Laufe des Sommers verschmolzen war. Sie zerbiss es und schluckte die süßen Splitter hinunter. Neben dem Baum lag noch immer die Krokette. Im warmen Sonnenlicht sah sie beinahe frisch aus.
A hatte es sich im grauen Gewölk unter der Kuppel gemütlich gemacht. Es gab genug zu essen und unzählige neue verwirrende Gedanken schossen durch sie hindurch, von denen sie jedes Mal einen vergaß, wenn sie etwas aß.
„Hör auf!“, protestierte die neue Stimme. „Iss lieber eine von den peinlichen Kindheitserinnerungen dort hinten.“ Dem Schleim hingegen war es egal, er hatte alle Nervenzellen gleichmäßig umhüllt und teilte sich fröhlich weiter.
Melanie hatte Kopfschmerzen. Sie saß am Rastplatztisch und fuhr mit dem Fingern die Namen und Zahlen im dunklen Holz nach. Kaddi + Marvin ’99 FVCK. Die Angst zog vorüber, doch die Wolken waren noch zu schnell. Abseits der normalen Zeit konnte sie nicht ins Auto steigen.
Während sie wartete, fuhr ein roter Mini Cooper in den Rastplatz ein. Nein, das konnte nicht… Doch. Es war der verdammte Krokettenkerl. Er hielt neben ihr an, beugte sich umständlich über den Sitz und öffnete die Beifahrertür.
„Ohne mich passiert hier wohl nichts, oder?“ Er trug ein kariertes Hemd, ordentlich gebügelt und bis ganz oben zugeknöpft. Als er sich im Fahrersitz zurücklehnte, waberten die Farben des Hemds. Das machte ihre Kopfschmerzen nicht besser. "Hau ab. Weirdo." Melanie wollte gehen.
„Warum so unfreundlich?“, fragte er, stellte den Motor ab, schwang seine Beine in den Beifahrerfußraum, hievte sich über die Mitte und kroch aus der halb geöffneten Fahrzeugtür. „Warum so umständlich?“, fragte sie. Ihre Abweisung perlte an ihm ab. „Ah, Home Sweet Speckhorn!“
Er setzte sich dazu und holte eine winzige Tupperdose aus der Brusttasche seines Hemds. „Notfallsnack“, sagte er und aß die einzeln auf einem Salatblatt ruhende Krokette. Ein Fragezeichen aus Mayonnaise glänzte auf der kalten Kartoffelmasse, bevor es in seinem Mund verschwand.
„Okay, Cooper. Kannst du jetzt beruhigt weiterfahren?“, fragte Melanie. „Die Frage ist, kannst du? ...Log Lady.“ „Was? Warum Log Lady?“ „Ich bin zum dritten Mal hier und du starrst immer noch diesen Baumstamm an.“ „Zum zweiten Mal.“ „Zum dritten Mal. Und warum duzen wir uns?“
Er schaute sich um, klopfte auf die Tischplatte, stand auf und beäugte den Baum. „Alles Kulisse. Merkwürdig.“ Melanie dachte, sie sei diejenige mit den mentalen Problemen. Doch Coopers Verhalten toppte ihre eigenen fremdartigen Zustände.
Offensichtlich war es ihm egal, wie sie ihn nannte und er gab ihr nicht das Gefühl, gefährlich zu sein. Eine willkommene Ablenkung an diesem miesen Tag. Sein Auto hatte ein Bochumer Kennzeichen wie ihres. Ein Aufkleber hinten zeigte die Umrisse des Kolosseums der SUB. Unter dem Wahrzeichen der Synergie-Uni Bochum klebte der verwitterte Schriftzug „Camilla“. Gleiche Uni und auch noch ein Fan der Spiele, nicht schlecht. Die Amazonenkönigin Camilla blieb, bis über ihr tragisches Ende hinaus, Melanies Favoritin.
Gerne hätte sie mit Cooper über die Kämpfe der letzten Saison gefachsimpelt. Doch der war noch mit der Erkundung ihrer Umgebung beschäftigt und starrte das Waldstück in der Ferne an. „Warum passiert hier nichts?“, fragte er das Feld oder irgendeine übergeordnete Erzählinstanz.
Die Sonne verbreitete lauwarme Müdigkeit. Das Display ihres Smartphones war eingefroren und behauptete 13:30. „Cooper, wie spät ist es?“ Er zeigte ihr seine Armbanduhr. „Halb eins, Mel. Schon seit zwei Monaten.“
Erst jetzt registrierte sie die stillstehenden Autos auf den Fahrspuren hinter der Begrünung. Sie ging auf sie zu, Cooper folgte ihr. „Und woher weißt du, wie ich heiße?“ Er deutete auf ihren Pullover. Das Stück Malerkrepp mit ihrem Namen, klebte immer noch dort.
Sie dachte an ihre Gummistiefel im Auto, an den weißen Kittel, den olivgrünen Kittel und an ihr Stethoskop. Heute Morgen war endlos weit weg. Ein Pferd hing narkotisiert von der Decke und wurde mit dem Kran auf dem Tisch platziert.
Sie war Teil eines abseits stehenden Grüppchens, aus dem sich auf flüchtigem Wink des Assistenzarztes hin, jeweils eine für einen kurzen Blick in die Wunde vorwagen durfte. Alle wirkten professionell, die einzige Touristin war Mel.
Die Frage zum Fesseltrageapparat beim Pferd hätte sie fast aus der Anatomieprüfung des Physikums gekickt. Wäre es mal so gewesen. Alle hatten Klemmbretter, Mel nur einen angekauten Bleistift und ein mehrfach gefaltetes Papier mit kryptischem Gekritzel in ihrer Kitteltasche.
Tipps zur Zahnaltersbestimmung bei Ponys mit Diabetes. Gestern aufgeschrieben, schon heute nicht mehr lesbar, aber bestimmt wichtig. Eingriff abgeschlossen. Der Professor rauschte ab. Zunähen, sauber machen, aufräumen, fertig. Und natürlich das Pferd wieder auf den Boden legen.
Ihre Gruppe zerstreute sich auf dem Weg zum nächsten Kästchen im Stundenplan. Mel ging zu Fallbesprechung 2, dazu musste sie sich den Kreppstreifen mit ihrem Namen ankleben. Lieber wäre sie inkognito geblieben, doch sie hatte genug Mitstreiterinnen und wurde nichts gefragt.
Mel hatte den Absprung verpasst. Sie hatte an den Spruch ihrer Anatomieprofessorin glauben wollen. Wer das Physikum schafft, schaffts bis zum Ende. Doch das konnten nur Leute, die es auch schaffen wollten. "Frau Weber, träumen Sie?"
„Hm?“, Mel ließ die abgegriffenen Erinnerungen los. Sie wünschte sich weit weg, nach Speckhorn. „Der Befund, Frau Weber. Der Befund.“ Die Tabelle ergab keinen Sinn. „Leberwerte.“ „Ja. Was ist damit?“ Hoch, niedrig, hoch, niedrig. „Zu hoch. Eindeutig zu hoch, würde ich sagen.“
„Offensichtlich. Wir waren schon weiter, Frau Weber.“ „Parasiten“, riet Mel. „Frau Weber, gehen Sie. Verschwenden Sie nicht länger unsere Zeit.“ „Echinokokken! Abklärung mittels Ultraschall erforderlich.“ Klang doch gut. „Raus.“ „BÄM! Differenzialdiagnose: Leberegel!“ „Raus!“
„Wo waren wir?“ Mel stand an der Tür, als sie sich noch einmal umdrehte. Sonnenstrahlen fielen durchs offene Fenster auf die Köpfe der Wissbegierigen. „Ich sehe, Sie sind gut vorbereitet.“ Mel stampfte mit ihren Stahlkappenstiefeln zurück in den Raum und ließ den Dreck fliegen.
Unter Protest drängelte sie sich in den Stuhlkreis, stieg durchs Fenster und blieb mit dem Kittel hängen. Fluchend riss sie an dem olivgrünen Stoff, blinzelte ihre Tränen weg, befreite sich und lief davon.
„Wir können also nicht von hier wegfahren“, sagte Mel. „Nur bis zum Ende des Beschleunigungsstreifens.“ Cooper malte mit dem Zeigefinger Kreise in die Luft. „Dann biegst du wieder in den Rastplatz ein." Mel stand auf. „Komm, lass uns ein paar Runden drehen.“
Als sie zu Coopers Auto gingen, streiften sich ihre Hände. Mel fröstelte. Kurz wurde ihr blau vor Augen. Sie setzten sich. War das eine Mini-Fritteuse in der Mittelkonsole? „Gut, dass du es abgehakt hast", sagte er. „Dein Studium.“ Mel starrte in Coopers riesige blaue Pupillen.
„Deine Augen...“ Cooper kramte im Handschuhfach und warf mehrere Kühlakkus in den Fußraum. Mel schob sie von sich weg. Unter einem halben Beutel Tiefkühlkroketten fand er seine Sonnenbrille. Er lehnte sich zurück. „Besser.“
Hinter den schwarzen Gläsern sah Mel, wie die leuchtenden Ringe sich drehten. „Ich verarbeite Informationen.“ „Die waren nicht für dich bestimmt.“ Seine Augen hatten die Farbe der Ameise angenommen. Ein Blau, das weniger zu Blumen als zu Ladebalken passte.
Während Cooper sein Update machte, klappte Mel die Sonnenblende herunter. Ihre Augen sahen normal aus. Sie kramte in ihrer Erinnerung nach Schnipseln, die von ihm erzählten. Nichts. Coopers Arme hingen schlaff an den Seiten herunter. Gerne hätte sie ihm eine reingehauen.
Sie beherrschte sich. Bis sie doch noch explodieren würde, zu einem Zeitpunkt fernab jeglichen Kontexts. Sie musterte die Fritteuse, zog ein Schubfach auf und fand ein Metallkörbchen versenkt in frischem Öl, nicht mehr als ein Kaffeebecher voll. Jetzt sollte sie wohl lachen.
„Wann fahren wir jetzt los?“ Sie trat gegen die Kühlpacks im Fußraum. Er hatte sich an ihren Erinnerungen bedient, ohne zu fragen. Cooper war einer dieser komischen Vögel, denen man durchgehen ließ, wenn sie Grenzen überschritten, weil sie damit Lacher generierten.
Coopers Ladezeit war vorüber. „Ich wollte sicher gehen, dass du nichts mit der Schleife zu tun hast.“ „Du traust mir nicht, nachdem wir uns wie oft getroffen haben?“ „Ich habe mich gefragt, weshalb du dich nicht erinnerst" „Das ist ja wohl meine Sache.“
Mel nahm den Gurt. „Komm, lass uns fahren.“ Der Motor klang komisch. Cooper schaltete hoch und- Ich schaute zu Mel. Ob ihr auch übel war? Sie redete mit sich. "Nein, du redest mit dir." Unsere Stimmen versuchten zu streiten, doch sie redeten nur nebeneinander her.
Etwas Rotes blinkt hinter der Abdeckung über der Fritteuse. Ich rupfe das wackelige Plastik weg. Das Ding darunter gräbt seine Metallkrallen in die Elektronik. „Es ist eine Robo-Krabbe mit blinkenden LED Augen“, sagt Mels Stimme in meinem Kopf.
Die Krabbe hat hervorstehende Stielaugen. Ich drücke das linke Auge. Es knickt wie ein Hebel nach hinten und blinkt noch nervöser als zuvor. Eine Schere schnappt nach meinem Finger. „Augen auf die Straße.“ Mel packt meinen Arm. Fast hätte ich den schlummernden LKW gestreift.
Spedition Fuchs. Die Vorhänge der Fahrerkabine sind zugezogen. „Ist das deine Krabbe?“ Zu laut. Meine Ohren klingeln. Seifenblasen blubbern zwischen den filigranen Mundwerkzeugen hervor. „Halt an.“ Mel scheucht die Blasen mit beiden Händen weg. Sie platzen nicht. Ich gebe Gas.
Im Rückspiegel sehe ich eine Frau hinter dem LKW hervorkommen. Sie schaut uns nach. Auf ihrem Arm strampelt ein dicker brauner Hund mit bleistiftdünnen Beinen. Seine schwarzen Augen glänzen wässrig. Eine leere Einkaufstasche kippt um. Ich hatte das Auto nicht abgeschlossen.
Mels Monolog rattert durch meinen Kopf. „Jemand rückt mich für ein Publikum zurecht.“ Auch ich muss dauernd Ich sagen, so denkt doch keiner. Die Krabbe blubbert. Mel drückt das Auge zurück in eine aufrechte Position. Wenn wir die Runde fertig drehen, werden wir das Ding los.
…
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