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Namensgebung: Kinderspiel oder Kaninchenbau der Prokrastination?

(Lesedauer ca. 10 Minuten)

Es gibt viele Themen rund ums Schreiben, die ausgiebig in jedem guten Schreibratgeber behandelt werden. Wie funktionieren Erzählperspektiven? Wie plane ich eine Geschichte? Wie entwickle ich Figuren? Doch die Frage, wie man Namen für seine Figuren findet, wird dabei meistens dezent umschifft.

Wie finde ich Namen für meine Figuren, fantastische Dingen und Orte?

Die nahe liegende Antwort Denk dir halt irgendwas aus ist leider etwas dünn und nicht besonders hilfreich bei der Umsetzung, weil sich kein konkretes Vorgehen daraus ableiten lässt.
Wer den gut gemeinten Tipp einstreut, im Internet nach Namen zu schauen, hat damit zugleich eine gute Quelle der Prokrastination empfohlen.
Auf diese Weise finden sich zwar Namen, doch als Schreibender möchte ich so etwas Wichtiges wie Namen nicht Google oder dem Zufall überlassen.
Beim eigenen Baby würde man ja (hoffentlich) nicht den ersten Google-Treffer als Namen auswählen. Daher sollte man sich auch beim Buchbaby ein wenig mehr Mühe geben.
Ein Romanprojekt beschäftigt mich über viele Monate hinweg. Manchmal begleitet es mich Jahre bis zur Veröffentlichung. Es ist wichtig, dass die Figuren während dieser Zeit frisch und vielschichtig bleiben. Richtig gute Namen, die sie vor meinem geistigen Auge lebendig werden lassen, erweisen mir dabei einen großen Dienst.
Zu einfache Lösungen bleiben mir hingegen unangenehm in Erinnerung und schmecken bald abgestanden wie Limonade, die an einem Sommerabend auf dem Gartentisch vergessen wurde.

Planung und Spontanität

Keine Sorge, mir geht es nicht darum, spontane Einfälle schlechtzumachen. Falls die erste Idee zündet und sie deine Figur auf der mentalen Bühne lebendig werden lässt, wäre es sogar kontraproduktiv, den Namen zu ändern.
An dieser Stelle soll es lediglich darum gehen, sich einiger Fragen bewusst zu werden, die bei der Suche nach treffenden Namen hilfreich sein können. Ich zeige einige Spezialfälle der Namensgebung auf, gebe praktische Tipps und nenne konkrete Beispiele aus meinem Schreiben.

Die Bedeutung von Namen im Schreibprozess kann natürlich stark variieren.
Wie bei jedem Aspekt des Schreibens gibt es keine festen Regeln, außer dem, was gerade für das eigene Projekt funktioniert.
Falls es dir hilft, mit Platzhaltern zu arbeiten, bis sich ein endgültiger Name findet, der sich richtig anfühlt, dann nur zu.

Die Vergabe von Namen ist eine bewusste Wahl

Gute Namen bleiben den Leser*innen in Erinnerung und sind ein erzählerisches Mittel. Sie sind nicht beliebig.
Für mich spielen Namen eine so zentrale Rolle, dass ich sie schon ganz zu Anfang brauche, damit die Protagonisten der Handlung sich entwickeln können.
Manchmal bilden Name und Figur dabei eine Einheit, die sich nicht trennen lässt.

Treffende Namen finden💡

Namen müssen in die Welt der Geschichte passen und ein stimmiges Gesamtbild erzeugen.

Besonders auffällige Namen, die aus diesem Gesamtbild hervorstechen, ziehen Aufmerksamkeit auf sich und sollten mit Bedacht eingesetzt werden. Ein Beispiel dafür sind sprechende Namen. Damit sind solche Namen gemeint, deren Bedeutung oder Klang zugleich die benannte Figur ihrem Wesen nach charakterisieren.

Figuren mit sprechenden Namen findet man in sehr vielen Büchern, Filmen und Serien. Sie können sehr auffällig sein, wie im Fall von „Luke Skywalker“ oder „Karla Kolumna“, die rasenden Reporterin aus Benjamin Blümchen. Oder etwas dezenter, wie im Fall des Protagonisten „Lemuel Gulliver“ aus Jonathan Swifts satirischen Roman Gullivers Reisen. Der Name der Figur spielt auf das englische Wort für Leichtgläubigkeit, „gullible“, an und steht damit sinnbildlich für eine Charaktereigenschaft der Figur.

Sprechende Namen beeinflussen die Erwartungen der Leser*innen an eine Figur. Zu viele sprechende Namen können einen ernst gemeinten Roman für Erwachsene im schlimmsten Fall ungewollt nach einer Parodie oder einem Kinderbuch klingen lassen. Hält man hingegen die Balance, können sprechende Namen eine echte Bereicherung sein. Es kann auch Spaß machen, mit den Erwartungen des Publikums zu spielen und seinen Figuren Namen zu geben, die gegensätzliche Erwartungen wecken.

Der Klang eines Namens ist wichtig. Jeder Name besitzt auch eine lautmalerische Komponente, die zum Gesamteindruck beiträgt.
Wer erinnert sich nicht an den Geizhals „Ebenezer Scrooge“ aus Eine Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens? Schon der Klang des Namens zeichnet ein Bild der Figur. So sehr, dass das Wort „scrooge“ im Englischen zu einem Synonym für „Geizhals“ geworden ist. Überhaupt war Dickens ein Meister darin, bereits über Bedeutung und Klang der Namen einen ersten Eindruck von seinen Figuren zu vermitteln.

Es ist wichtig, sich der Assoziationen bewusst zu sein, die ein Name wecken kann. Wenn deine Figur etwa zufällig den gleichen Namen hat wie eine berühmte Persönlichkeit, könnte diese ungewollte Referenz dein Lesepublikum aus der von dir erschaffenen Welt herausreißen.

Namen spiegeln immer auch den Kulturraum und die Epoche wider, aus denen sie hervorgehen. Dieser Tatsache sollte man sich bewusst sein. Gegebenenfalls ist etwas Recherche nötig, um zu überprüfen, ob ein Name ins Setting deiner Geschichte passt.

Beispiel:
Der Protagonist meines Romans Die phantastischen Fälle des Robert Fuchs trägt einen deutschen Namen. Die Welt Vernia ist ein alternativweltliches Europa, in dem Ländergrenzen verblasst sind, aber manche lokale Eigenheiten erhalten blieben. So gibt es auch englische oder französische Namen.
Fuchs stammt aus dem ursprünglich deutschen Teil Vernias. In einer englischen Übersetzung des Romans würde er sich Robert Fox nennen, aber im Dialog darauf eingehen, dass er eigentlich Fuchs heißt, falls seine Herkunft im Gespräch eine Rolle spielen würde.
Sein Name ist im Alphabet ein Buchstabe von dem eines anderen Meisterdetektivs entfernt: Sherlock Holmes – bei ähnlicher Länge und Silbenzahl.
Mit dem Fuchs verbinde ich Schläue oder List, die gut zu meinem Detektiv passt.
Es gab einen Komponisten Robert Fuchs (1847-1927). Mein Ermittler dagegen hat in zwei Fällen des Romans mit Musik zu tun. Er verrät, dass er als Kind Klavier lernen sollte, ihm aber das Talent gefehlt habe und er sich deshalb anderen Dingen zuwandte.

Häufige Stolpersteine⚠️

Wer sich mit etwas schwertut, kennt das: Wir suchen unbewusst nach Abkürzungen.
Einmal nicht aufgepasst, und schon schleichen sich ähnlich klingende Namen ein oder Testleser*innen weisen einen auf bekannte Vorbilder hin und die Figur oder der Ort muss umbenannt werden. Hierzu ein paar Beispiele:

Klischees
Manche Namen sollten deshalb vermieden werden, weil sie zu nah an bekannten Vorbildern sind. Harry, der Zauberlehrling oder Entfesselungskünstler. Viktor, der verrückte Doktor. Archäologe Jones. Der britische Spion James, der gegen einen Muskelprotz namens Arnold kämpft.
Schreibe ich einen Thriller und mein Protagonist heißt wie ein bekannter Thrillerautor, ist klar, woher meine Inspiration kommt. Das kann einfallslos erscheinen oder es drängen sich Vergleiche zum Vorbild auf, die gar nicht gewollt sind.

Es gibt auch kulturelle Klischees, die unoriginell und flach wirken. Nicht jeder Italiener muss automatisch Mario oder Luigi heißen. Ist ein Kulturraum, eine Epoche oder ein Milieu weit vom eigenen Alltag entfernt, sollte genügend Zeit in die Recherche gesteckt werden, um auch im Fall der Namensgebung eine authentische und angemessene Wahl treffen zu können. Da Autor*innen eine gewisse Verantwortung haben, kulturelle Klischees nicht einfach unreflektiert fortzuschreiben, sollten sie sensibel und mit einer gewissen Demut und Lernbereitschaft herangehen, wenn sie sich in Bereiche jenseits der eigenen Lebenswirklichkeit vorwagen.

Zu viele ähnliche Namen
Der Protagonist Martin und seine Frau Marion, liefern sich ein hitziges Wortgefecht. Dann kommt Marie dazu, die beste Freundin von Marion, die sich stets auf ihre Seite schlägt. Bevor die Szene endet, fliegt die Tür auf und Marvin, der böse Zwillingsbruder von Martin, platzt herein. Die Spannung steigt, er hat eine Bombe in der Stadt gelegt und einen Fernzünder in der Hand. Es kommt zum actionreichen Handgemenge zwischen den vier Mar…s und das Chaos ist perfekt.

Lesbarkeit: Namen fremder Sprachräume und Dialekte
Stellt ein Name aufgrund seiner schwierigen Aussprache einen Stolperstein für die Lesbarkeit dar, sollte man die richtige Aussprache mitliefern. Insbesondere im Bereich Fantasy sind unverbrauchte Namen zwar ein Plus, doch wenig reißt mich so sehr aus dem Lesefluss, als nicht zu wissen wie der Name einer Figur ausgesprochen wird. Gerade bei altenglischen, walisischen oder gälischen Namen bin ich für jede Erklärung dankbar. Ob die in einem Vor- oder Nachwort, einem Namensverzeichnis oder in Form einer Fußnote im Text erfolgt, ist Geschmackssache.
Vielleicht lässt sich auch ein Dialog in die Handlung integrieren, in dem die richtige Aussprache thematisiert wird.
Grundsätzlich sollte man sich die Frage stellen, ob Namen kompliziert sein müssen. Wenn es nicht unbedingt aufgrund des Settings der Geschichte erforderlich ist, mache ich es meinem Publikum nicht unnötig schwer.

Unpassende Namen sind Spielverderber
Ein unpassender Name, der aus dem Setting herausfällt, kann ungewollte Assoziationen wecken und die ganze Illusion der Erzählung zerstören.
In einer Fantasywelt wären die neuesten Modenamen unpassend. In einem Nordseekrimi werden die Figuren in der Regel regional übliche Namen haben und eher nicht Andreas, Xaver oder Georg heißen, außer sie sind zugezogen.
Bei der Suche nach passenden Namen für ein alltägliches Setting, können nervige Assoziationen mit der Schulzeit, Familie oder Alltagsbekanntschaften beim Schreiben zum Problem werden.
Hinzu kommt, dass einem die eigene Alltagswelt manchmal wirklich unoriginell vorkommt. Wenn ich in einer solchen Sackgasse stecke, probiere ich Namen von Personen aus, mit denen ich Positives verbinde.
Hoot nutzt in solchen Fällen gerne Wikipedia. Wenn ich meine Geschichte am Nordpol spielen lasse, könnte ich etwa nach Artikeln über Polarforscher*innen suchen.
Indem ich Recherche betreibe, werden mir auch neue Namen begegnen, die ich für die Namensgebung nutzen kann. Literaturverzeichnisse in Sachbüchern können ebenfalls eine gute Quelle der Inspiration sein.

Den richtigen Titel für eine Geschichte finden

Sich einen passenden Titel für seine Geschichte oder sein Buch zu überlegen, fällt ebenfalls in den Bereich der Namensgebung. In meinem Schreibprozess nenne ich diesen Findungsprozess »Titelspiel«. Dabei experimentiere ich, auf der Suche nach dem für mich treffendsten Titel. Je nach Projekt fließen unterschiedliche Faktoren mit ein.
Hilfreiche Fragen können sein:

Bei Verlagsbüchern entscheidet nicht selten die Marketingabteilung über den Titel, der dann besonders werbewirksam sein soll. Als Selfpublisher liegt natürlich alles in meiner Hand.

Beispiel:
Bei Die phantastischen Fälle des Robert Fuchs habe ich bewusst nach einem Namenschema im Stil von Die Abenteuer des Sherlock Holmes gesucht, denn ich wollte eine ähnliche Zielgruppe ansprechen und ähnlich wie beim bekannten Meisterdetektiv sollte es Raum für Fortsetzungen geben. Außerdem wollte ich gleich etablieren, dass es um Kriminalfälle geht und um Fantastik. Die wird im Titel bewusst mit ph geschrieben, wie es auch innerhalb meiner Romanwelt der Fall wäre.

Namen von Schauplätzen

Name und Schauplatz sollten zusammenpassen. Ist der Bruch zu groß, kann es die Leser*innen aus der Geschichte werfen. Ein bekanntes Beispiel für gut benannte Schauplätze ist Tolkiens Mittelerde. Die Ortsnamen im Auenland zum Beispiel entsprechen häufig den geografischen Gegebenheiten, so gibt es den Ort Wasserau, den Alten Wald und den Fluss Weidenwinde. Andererseits spiegelt die Einfachheit der Namen, die bäuerliche und naturverbundene Kultur der Hobbits wider. Der elbische Name des Flusses Baranduin, der „Goldbrauer Fluss“ bedeutet, wurde im Sprachgebrauch der ortsansässigen Hobbits zum ähnlich klingenden Brandywein. Dieses kleine Detail ist ein schönes Beispiel dafür, wie durchdachte Namensgebung einer fiktiven Welt mehr Tiefe verleihen kann.

Unsichtbare Namen

Manche Namen sind so alltäglich, dass sie im Text beinahe unsichtbar werden. Auch das kann eine bewusste Wahl sein. Beispielsweise um Nebenfiguren als solche zu kennzeichnen, oder als Stilmittel, wenn eine Figur inkognito bleiben will.

Figuren entwickeln sich

In seltenen Fällen kommt es vor, dass ich Figuren umbenennen muss, weil ihr Name nicht mehr zu der Rolle passt, die sie in der Handlung spielen.

Autorenpseudonyme

Für Pseudonyme gilt alles, was auch für Figuren gilt und mehr.

Zahlen

Auch Zahlen sind Benennungen und können im Rahmen der Geschichte eine Bedeutung kommunizieren. Ist eine Zahl bedeutungslos, sollte sie unscheinbar sein. Je präziser und ungewöhnlicher sie ist, desto eher wird ihr von den Leser*innen Bedeutung beigemessen. Durch die bewusste Wahl bestimmter Zahlen können Bedeutungszusammenhänge innerhalb einer Geschichte aufgebaut werden und das Gefühl eines Mysteriums entsteht. Man denke an die wiederkehrende Zahlenreihe aus der Serie LOST: 4 8 15 16 23 42

Namenseinflüsse: Figuren

Wer wir sind, wird durch unser Umfeld beeinflusst. Dazu gehört der kulturelle Raum, unser Platz in der Gesellschaft und in die Zeit, in der wir leben.
All das und mehr kann sich in Namen widerspiegeln:

Namenseinflüsse: Orte

Oftmals gibt es eine offizielle Bezeichnung und einen landläufigen Namen des Orts. Fiktive Ortsnamen können künstlich klingen, weil wir vor naheliegenderen Namen zurückschrecken. Doch Naheliegendes klingt oft glaubwürdiger.
Ortsnamen sind Gebrauchsnamen, die sich historisch herausgebildet und gewandelt haben. Als Einflüsse für Ortsnamen können dienen:

Namenseinflüsse: Dinge und Begriffe

Auch bei Dingen und Begriffen kann es eine offizielle Bezeichnung in der Fachsprache und einen landläufigen Namen geben, der nicht nur einfacher, sondern durchaus widersprüchlich sein kann.
Zwei Beispiele aus dem Alltag:

Wir alle kennen regionale Begriffe und Slangwörter, bei denen für nicht eingeweihte das Verständnis auf der Strecke bleibt. Auch in unseren Geschichten könnte es Dialekte, Slangs und Umgangssprache geben. Vereinzelt eingestreut können solche Begriffe die Glaubwürdigkeit der fiktionalen Welt erhöhen. Die sparsame Dosierung solcher Begriffe ist wichtig, damit der Text verständlich bleibt.

Inspirationsquellen

Mit den angesprochenen Punkten und Fragen im Hinterkopf, spricht nichts mehr gegen das Stöbern nach frischen Namen für unsere Figuren.
Solche Inspirationsquellen können sein:



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