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Wochenplannewsletter #37

Wochenplannewsletter #37

Geschätztes Pod-Volk!

Ihr erwartet Jochen, aber ihr kriegt: uns. Ihr müsst also noch vermutlich zwei Newsletter lang mit uns auskommen. Ja, ich weiß. Ist für niemanden schön. Müssen wir jetzt mit klarkommen. Probleme sind nur dornige Chancen und so. 

Da die Stimmung eh schon am Boden ist, kann ich ja auch gleich drauf eintreten. Daher gibt’s heute zum Einstieg mal ein Thema mit einer leicht bedrückenden Wendung. Eigentlich nicht das, womit ich euch in die Woche starten lassen will. Aber es ist nunmal gerade das, was mein Hirn beschäftigt. Also sitzen wir jetzt halt gemeinsam in diesem Zug. Ihr seid vorgewarnt. Gurte sind angelegt? Fein. Wir fahren auch langsam an. Los geht’s! Thema lautet: 

Titanic!

Jawoll, der Film von Cameron aus 1997. Meisterwerk. Super Film. Sind wir uns zum Glück alle einig. 

Aber wer sind die heimlichen Helden von “Titanic”? Ich sag’s euch einfach, bevor falsche Antworten mein Herleitung versauen: Die Musiker. 

Nachdem die Titanic mit dem Eisberg kollidiert ist, erleben wir wie die kleine Musikkapelle sich nicht in die Schlacht um die Plätze auf den Rettungsbooten einreiht. Während sich um sie Tod und Verderben zusammenbrauen, sind sie es, die sich stattdessen mit Stil und Anstand hinsetzen und “Nearer my god to thee“ spielen, um die Menschen zu trösten und die Panik zu mildern. Die Musiker haben die Welt sogar im Angesicht des Todes ein bisschen erträglicher gemacht und das alles mit Anstand und Klasse und voller Hingabe. Auch die berührendsten Szenen von Liebe bis in den Tod hinein spielen sich zu deren Musik ab: Die Mutter, die ihre Kinder ein letztes Mal schlafen legt. Das alte Ehepaar, das sich aneinander kuschelt, während das Wasser schon unter der Tür durchspült. Erst kurz bevor das Schiff auseinanderzubrechen beginnt, beenden sie ihre Performance. “Es war ein Privileg, heute mit Ihnen spielen zu dürfen”, sagt der Leiter der Truppe, Wallace Hartley, im Film, das eigene Ende vor Augen. Und auch, wenn die Band wohl nicht gespielt hat, bis der Atlantik bereits begann das Deck vor ihnen zu verschlingen, ist die Geschichte sogar wahr. Laut Augenzeugenberichten spielte das Team bis kurz bevor das Schiff so richtig zu sinken begann. Keiner der Musiker hat überlebt. 


Im Bild: Drei der elf Oscars

Sprung in die Gegenwart. Wir diskutieren, an welcher Grenze die imperialistischen Ambitionen von Putins Russland wohl enden mögen. Wir beobachten, wie die USA als Schutzmacht das Weite sucht und im Innern bislang vergleichsweise zaghaft gegen autoritäre Machtergreifung ankämpft. Wir schaudern künftigen Wahlergebnissen im eigenen Land mit Blick auf die AFD entgegen. Die gesellschaftliche Solidarität scheint im gleichen Maße zu bröckeln. Den nahenden Eisberg Klimawandel vergessen wir darüber gelegentlich schon wieder. All das in einer Medienwelt, in der Desinformation, Clickbait und Emotionalisierung irgendeinen unbezifferbaren Anteil an unserem Umgang mit dem Untergang haben. Und ab und an, spät am Abend, da frage ich mich folgende Frage: “Wäre es nicht deine Pflicht deine Fähigkeiten in den Dienst von Demokratie und Gesellschaft zu stellen, anstatt darüber zu podcasten, wie niedlich die Schweinchen in “Assassin’s Creed: Shadows” aussehen?”

Meine erste Reaktion darauf, wenn mein Hirn diese Frage ausspuckt, ist vielleicht auch eure: Hybris! Welche Fähigkeiten sollen das denn sein? Ich habe in Summe von Politik keine Ahnung. Und nur weil mir in meinem Fachbereich ein paar Tausend Leute zuhören, heißt das nicht, dass ich irgendwem irgendwas in Punkto Demokratierettung anzubieten hätte. Und selbst wenn, wäre meine Plattform immer noch viel zu klein, um irgendwas zu bewegen. Reine Heldenfantasie. 


Was seltsam ist, weil meine Heldenfantasien ja eigentlich so aussehen.

Und das stimmt schon. Man fühlt sich in Anbetracht der Weltlage aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen und zugleich machtlos, irgendetwas von Bedeutung zu tun. Und irgendwie ist gerade letzteres ja auch der Ego-Fallstrick: Man würde so gern etwas Bedeutsames tun. Man wäre so gern mehr als nur NPC, wie die die jungen Menschen auf Youtube sagen. Die wunderbare Ines Hausmann, die OG-Psychologin mit der wir noch vor Helge damals eine Reihe von Podcasts aufgezeichnet haben, hat mir dazu mal den Gedanken eingepflanzt, dass wahrer Altruismus vielleicht gar nicht existiert. Dass sogar vermeintlich selbstloses Handeln immer die Belohnung sozialer oder zumindest innerer Anerkennung anstrebt. Und als bekennender Fan sozialer Anerkennung frage ich mich da immer: Willst du das machen oder willst du nur den Applaus, den du dir davon versprichst? 


Das klingt realistisch und selbstkritisch, aber das Kleinmachen ist andererseits natürlich auch sehr bequem: Die Anerkennung der eigenen Hilf- und Bedeutungslosigkeit ist der Speckmantel um die Dattel des Nichts-Tun-Müssens (für dieses Bild einigen wir uns darauf, dass Datteln scheiße sind). Hauptsache nicht eingestehen müssen, dass man einfach zu bequem ist! In “The Rock” sagt Sean Connery den schönen und wieder sehr aktuellen Satz: “Patriotismus ist die Tugend der Bösartigen”*. Defätismus ist dann wohl die Tugend der Feiglinge. 

Und dann lande ich bei den Musikern aus “Titanic” und denke - rede mir ein? - dass es ja ziemlich unverschämt ist zu denken, sowas sei bedeutungslos. Der Arzt wird nicht nutzlos, wenn er Schmerzen nur lindern kann, anstatt die Ursache zu beseitigen. Nicht falsch verstehen, das soll hier keine Gleichsetzung sein. Auf den Sockel gehöre ich nicht. Aber ich erinnere mich dann daran, wie uns mal ein Hörer schrieb, wie ihn der Podcast durch den Krebstod seiner Frau hindurch begleitet und in gewisser Weise getröstet hat. Und da ist es dann geradezu beschämend, den Wert der eigenen Arbeit und mittelbar des ganzen Teams so kleinzudenken. Natürlich sind die Themen, die wir behandeln, im Angesicht von Weltpolitik und Klimakrise banal. Aber wenn die Menschen nicht die Chance haben, sich auch immer mal wieder in das Banale und Unwichtige zu flüchten, woher sollen sie dann die Energie nehmen, sich um die wichtigen Dinge zu kümmern. Gerade wenn es ununterbrochen in Strömen regnet, dann ist ein Dach sehr wertvoll. 

Warum erzähle ich das? Nun, vorwiegend, weil’s mir gerade am Wochenende nunmal durch den Kopf ging. Aber vielleicht geht es ja dem ein oder anderen von euch auch so, dass ihr damit hadert, wer ihr seid und was ihr denkt, sein zu müssen. Das ihr grübelt, ob ihr jetzt unfair seid zu euch selbst, oder zu nachsichtig. Und dieser Text wird euch jetzt keine Antworten liefern, aber manchmal ist es ja einfach nur nett zu erfahren, dass andere Menschen auch regelmäßig innere Friedensverhandlungen führen müssen. 

Und das ist dann auch der vorläufige Kompromiss. Mich mit Menschen zu vergleichen, die während einer Katastrophe Haltung und Mitgefühl bewiesen haben, ist mir zu eitel. Aber ein Dach? Das ist ok. Ich träumte, ich wäre ein Musiker, aber ich hoffe, ich bin ein Dach. Ich will gerne ein Dach sein. Auch wenn mich demnächst bestimmt wieder frage, ob ich nicht mehr gegen die Wolken tun sollte. 

Oder ist Dach immer noch zu protzig? Ein Regenschirm? Ein Bananenblatt?

*Ja, der Satz stammt wohl von Oscar Wilde. Das sagt Sean Connery auch. Und hätte Oscar Wilde die Geistesgegenwart besessen, den Satz in einem Michael-Bay-Film zu sagen, dann stünde er da oben an erster Stelle. Hat er aber nicht. Nicht meine Schuld. 

Ein kleiner Nachtrag #1

In Runde #528 interviewte Jochen die Synchronschauspielerin Lynne Glaner zum damals noch andauernden Streik der Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA. Nun hat sich auch der Interactive-Media-Teil der Gewerkschaft mit den Publishern geeinigt. Die kompletten Details sollen erst diesen Mittwoch, am 18.6.2025, bekannt gegeben werden. Aber viele Rahmenparameter sind bereits bekannt: Bessere Bezahlung, höherer Beitrag zur Gesundheitsvorsorge und vor allem besserer Schutz gegen KI-Ausbeutung wurden durchgesetzt. 


Besonders interessant fand ich dabei, dass in der für die nächsten drei Jahre geltenden Einigung nicht nur durchgesetzt wurde, dass in Zukunft eine KI-Auswertung der Darsteller-Stimmen nur mit deren expliziter Einwilligung erfolgen darf und wie die Kompensation für Digitale-Doubles auszusehen hat. Denn darüber hinaus können die Mitglieder ihre Zustimmung für die Nutzung einer digitalen Kopie ihrer Stimme während eines Streiks auch wieder entziehen. Bedeutet: Während eines Streiks, streikt ihre KI-Stimme ebenfalls. Das ist nicht nur ein ziemlich kluger Passus, die Vorstellung, dass auch der KI-Klon die Arme verschränkt und “Nö!” sagt, wenn wieder ein Streik nötig wird, ist tatsächlich sehr erfreulich. Die erste KI, die auf Seiten der Darsteller stünde, möchte man sagen. 


Ein kleiner Nachtrag #2

Während wir in unserem aktuellen Sonntagscast ja ganz puristisch nur über die Spiele gesprochen haben, fiel das US-Kollegen bedeutend schwerer. Nathan Grayson schrieb für die Webseite “Aftermath” in “The Summer (Game Fest) before the fall (of America)” über seinen surrealen Wechsel zwischen dem “Summer Game Fest” und den gleichzeitig stattfindenden Protesten in Los Angeles gegen Trumps Deportationspolitik. Wer Podcasts bevorzugt, kann sich auch den Bericht von US-Videospielejournalismus-Urgestein Patrick Klepek in “Remap Radio” anhören, der auf BlueSky schrieb, die Veranstaltung sei eines der surrealsten Erlebnisse seiner Karriere gewesen. 

Das Rätsel zum Sonntag

Wisst ihr noch, was ihr dachtet, dass diesen Sonntag kommt? Das. Vermutlich.

In diesem Sinne: Ich hoffe ihr hattet auch an dem etwas gefühligeren Newsletter eure Freude! Habt eine ganz hervorragende Zeit!

Nur das Beste, wünscht:

Eure Pod-Crew

Wochenplannewsletter #37

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